Fliegen ist gefährlich?

von Christoph Schwahn, Ausbildungsleiter der FFG

Natürlich ist Fliegen gefährlich. Jeder, der die Gefahr des Fliegens herunterspielen will, verkennt allein die physikalischen Tatsachen: beim Fall aus einer Höhe über einem Meter kann sich ein menschlicher Körper Schaden zufügen. Wir fliegen in Höhen bis zu 3000 m mit Geschwindigkeiten bis zu 250 km/h in Extremfällen. Sollten wir lieber nicht so hoch und nicht so schnell fliegen?

Luft hat keine Balken, sagt ein Sprichwort. Gottseidank, meine ich, stellt euch vor, sie hätte welche!

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, sagte mein altes Mütterlein immer. Leben ist immer lebensgefährlich, meint Erich Kästner.

Meine Unfallversicherung schließt das Risiko, welches durch das Führen von Luftfahrzeugen entsteht, ausdrücklich aus.

Die Fliegerei lebt von Mythen, die von den Piloten gern selber genährt werden, und immer ist von Gefahr die Rede. Manchmal auch von Mut, häufig von tollen Kerlen.

Wie gefährlich ist nun das Fliegen?

Eine objektive Antwort darauf gibt es nicht. Objektiv ungefährlich sind nur die Flugzeuge. Ihre Konstruktion unterliegt strengen Regeln der Festigkeit (damit ein Flugzeug in der Luft nicht auseinanderbricht) und der Stabilität. Damit ist nicht die Festigkeit gemeint, sondern die Eigenschaft, Richtungsänderungen nach dem Durchfliegen von Böen oder nach Ausschlägen der Steuerung selber wieder zu beenden, in die Ausgangslage zurückzukehren. Das Prinzip ist mit einer Kugel in einer Schale leicht zu erklären: legt man sie in die Wölbung der Schale und gibt ihr einen Stoß, kommt sie von selbst in die Ausgangslage zurück. Dreht man die Schale um und legt die Kugel auf die Wölbung, wird sie, nach einem leichten Schubs immer schneller von der Schale rollen wollen. Das ist das Gegenstück zur Stabilität: Instabilität. - Segelflugzeuge sind stabil ausgelegt und fliegen daher von alleine. Das sage ich auch vielen Flugschülern, die anfangs zu viel an der Steuerung herumrühren.

Der Risikofaktor ist der Mensch, und darin unterscheidet sich das Fliegen nicht vom Auto fahren. Auch das ist gefährlich: meist ist man dabei nicht hoch, dafür aber schnell. Und immer sind Hindernisse an der Straße, wenn man diese verlässt. Die meisten machen sich das aber nicht klar. Geschwindigkeit wird nicht so bedrohlich empfunden wie Höhe, wenn auch ein Aufprall mit 100 km/h einem Sturz aus mindestens 10 Metern Höhe gleich kommt.

Das ist unser Vorteil: An die Fliegerei geht jeder (zunächst) mit einem großen Respekt. Die Ausbildung berücksichtigt dies systematisch, in dem von Anfang an alle Gefahren deutlich gemacht werden. Gefahr erkannt - Gefahr gebannt, hieß früher ein Sicherheitsslogan. Leider scheint er in vielen Bereichen in Vergessenheit geraten zu sein, aber nicht in der Fliegerei.

Die Segelflugausbildung beginnt mit der Bodeneinweisung. Startende und landende Flugzeuge, der Propeller, das Windenseil sind die größten Gefahrenfaktoren auf dem Flugplatz. In der Luft ist der größte Gefahrenfaktor - der Boden. Segelflugzeuge halten eine Menge aus: man kann sie bis zum fünffachen ihres Gewichtes belasten, beispielsweise durch einen unbeabsichtigten Sturzflug nach zu langsamem Fliegen. Nur sollte man hoch genug dazu sein, denn der Kontakt mit dem Boden ist nach dem Abschmieren fast immer tödlich. Und überziehen sollte man ein Flugzeug auch nicht - zumindest nicht unbeabsichtigt. Ein Flugzeug, das in der Luft stehen bleibt, stürzt solange, bis es wieder genügend Fahrt hat, mindestens etwa 50 m. Ein Fahrrad, was stehen bleibt, stürzt auch um. Wir wissen das und stellen uns darauf ein. Wir üben das Abschmieren und das Trudeln nach überzogenen Flugzuständen und lernen, das Flugzeug in allen Zuständen vollständig zu beherrschen. Das kostet natürlich Höhe, und daher wird unterhalb von 150 m unverzüglich zur Landung angeflogen. Mit genügend Fahrt, versteht sich. Nicht zu hoch und nicht zu schnell fliegen ist daher nicht die gesündeste Art der Fortbewegung.

Segelflieger führen stets einen Fallschirm mit sich. Der Hauptgrund ist der, dass er schon einigen Fliegern das Leben gerettet hat und daher eine ganz gute Lebensversicherung darstellt. Ungleich mehr (darunter alle Piloten der FFG) fliegen Jahrzehnte (und hoffentlich ein Leben) lang, ohne je mit dem Fallschirm abgesprungen zu sein. Es gibt nur wenige Gründe (genau genommen nur zwei), um mit dem Fallschirm auszusteigen: eine nicht funktionierende Steuerung (Höhensteuer) und ein beschädigtes Segelflugzeug. Beides minimieren wir durch einen gründlichen Vorflug-Check: die Maschine wird am Beginn jedes Tages auf Schäden untersucht, vor jedem Flug prüfen wir die Ruderwirksamkeit. Alle Verbindungen sind mit speziellen Sicherungen (Bindedraht, Fokkernadeln, Splinte) besonders gesichert. Einmal jährlich werden die Flugzeuge durch einen qualifizieren Prüfer des Luftfahrtbundesamtes untersucht. Schäden durch fehlerhafte Neukonstruktionen führen stets zu Veränderungen bei allen gleichartigen Flugzeugen, die hierzu unter Umständen sofort aus dem Verkehr gezogen werden. So kommt es so gut wie niemals vor, dass ein Flugzeug plötzlich in der Luft seinen Geist aufgibt - zumal uns ja kein Motor ausfallen kann!

Kollisionen zwischen Segelflugzeugen sind der Hauptgrund von Fallschirmabsprüngen. Segelflugzeuge fliegen häufig in Aufwindzonen, und daher ist ihre Verteilung am Himmel nicht gleichmäßig. Augen auf und das Einhalten bestimmter Flug- und Ausweichregeln sind daher A und O der Flugsicherheit.

Zusammenfassend kann ich also feststellen, dass in erster Linie die persönliche Verantwortung des Piloten für die Sicherheit maßgeblich ist. Das Risiko ist einschätzbar und diese Einschätzbarkeit wird systematisch von Anfang an gelehrt. Es ist ausgesprochen menschlich, dass man seine Grenzen ertasten will. Dies ist der eigentliche Gefahrenfaktor: das Verringern von Sicherheitsmargen, um als toller Kerl dazustehen oder das Letzte an Leistung herauszuschinden. Ein guter Flieger ist aber vor allem jemand, der diesem Verlangen durch konsequente Selbstdisziplin Grenzen setzt und andere Dinge findet, um sich selbst zu verwirklichen - zum Beispiel schöne Flüge mit sicheren Landungen!

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