Dem Himmel in den Schoß gefallen!

 

Der Geruch von Abenteuer liegt in der Luft, als um 11:40 Uhr meine Club Libelle D-2438 startbereit auf der Piste 22 in Kirchdorf am Inn steht. Es ist meine erste Saison im eigenen Flieger und dieser anmutige Gleiter hier hat es mir wirklich angetan. Oft schon umschlich mich der Gedanke, dass diesem Kunststoff ein rastloser Geist innewohnen muss. Beim Schließen der Haube ergreift er Besitz von meinen Sinnen und will mich weit hinaustragen. Sei es so oder nicht, ich brenne auf das nächste Erlebnis!

 

Für das Wetter an diesem 29. Mai 2004 wird Wind aus Nord/Ost und gute Wolkenthermik versprochen, allerdings auch Tendenz zur Überentwicklung an den Alpen und am Bayerischen Wald. Mit dieser Vorhersage werde ich heute ein 330 km langes Polygon über Österreich wagen. Zunächst möchte ich den Alpenrand am Frühnachmittag bei Scharnstein nur kurz touchieren und dann nach St. Georgen abdrehen. Die überentwickelten Bereiche sollten sich so weitestgehend meiden lassen. Mit Freistadt als drittem Wendepunkt wäre der Bogen um die Kontrollzone Linz gespannt. Und in der schwachen Abendthermik würde mich der Rückenwind von Freistadt aus schon wieder heimwärts nach Kirchdorf schieben. Dabei könnte ich Landschaften überfliegen, die ich bislang noch nie sah - ein reizvoller Gedanke. Soweit der Plan.

 

Mit routinierter Präzision schleppt mich Wieser Walter mit dem Zugpferd ”Tango Papa” in den ersten Hausbart an der Innkante. Und erfahrungsgemäß wird er mich des Abends breit grinsend und monoton zweisilbig (”Weiß-bier”) ersuchen, ihm für diese fliegerische Maßarbeit gebührend Referenz zu erweisen. Aber dazu wird es heute nicht kommen, denn der Plan wird nicht aufgehen. Nur weiß das noch keiner. Die Wolken nördlich des Inn sind schon gut entwickelt, nur der Plan - er passt halt doch nicht ganz zum Wetter - diktiert mir den Weg nach Süden, wo es noch lange nicht so toll ausschaut. Auf dem Weg zum Kobernaußer Wald, unserem thermischen Sprungbrett zum ”der Horizont ist mein”, kann ich mich auch nur mit Ach und Krach vor dem Absaufen bewahren. Dann lässt ein Strahl schnell aufsteigender Luft den angestauten Adrenalin-Cocktail rasch verdunsten. ”Alles wird gut”, sage ich mir und der Vorbeiflug an Attersee und Traunsee belohnt mich mit der imposanten, für mich ungewohnten Alpenkulisse. Den C-Schein habe ich erst 2 Jahre, bin noch zu unerfahren und traue mich da noch nicht rein. Wie ein kleiner Junge erblicke ich, über den Zaun blinzelnd, mein fliegerisches Terra Incognita, den hochthronenden Olymp, Hort der Götter! Berauscht vom schnellen Ritt an den hohen Kanten, aber mit gebührenden Respekt, überfliege ich Scharnstein in 2000 m. Vorletztes Jahr haben wir dort unten ein Fliegerlager verbracht und waren aufgrund der Wetterlage nicht über kleine Hupfer aus der Winde hinweggekommen. Und nun fegt meine belle Libelle über diese Burgruine, deren Anblick ich eigentlich nur von unten kenne - YES!

 

Die Wolken hinter mir werden schon breiter, Anzeichen der angekündigten Überentwicklung. Zu dem weiten Bogen um die Kontrollzone Linz ausholend, bringe ich die Libelle mit Kurs Süd/Ost aber schon wieder von den Alpen weg. Beschaulich zieht die Alpenvorlandschaft unter mir dahin. Dass auch die Wolken vor mir immer weiter auseinanderlaufen sehe ich zwar, aber die richtige Folgerung daraus ziehe ich nicht. Warum auch, läuft ja alles nach Plan?! Kurz vor St. Georgen, am weitesten weg vom Heimatplatz, finde ich mich unter einem riesigen Stock wieder. Die Idee von der Umrundung von St. Georgen als Wende lasse ich schnell fallen und drehe ab nach Freistadt. Bloß weg hier! Die Höhe ist noch komfortabel, irgendwo wird schon noch was gehen. Um mich herum hat sich nun alles zugezogen, das ging schnell - die Falle hat zugeschnappt! Und spätestens als Regentropfen auf die Haube niederprasseln, da dämmert es mir, in was für eine Lage ich mich hier geritten habe. ”Cool bleiben und mit allem was noch drin ist raus in die Sonne”, vor ca. 4 Wochen ist ein ganz ähnliches Pokerspiel knapp zu meinen Gunsten ausgegangen. Tatsächlich lassen sich am Rand des breiten Wolkenteppichs noch einmal 100 m Höhe herausschinden. Das war es dann aber, das Gleiten durch das vor mir liegende Blau bringt allenfalls nur noch vermindertes Fallen. Das Loggerorakel wird hektisch befragt, ob es noch nach Linz Ost zu schaffen ist. Doch das Orakel spricht minus 300 m - na ist ja Klasse! Dann wird es ja mal langsam Zeit, die Vereinskameraden darüber zu informieren, dass bei mir eine spannende Phase angebrochen ist. Aber noch fliege ich und vielleicht lässt sich das Ruder noch rumreißen. Die schöne Wolke im Norden ist für mich zu weit weg, doch die vor mir liegenden Bodenerhebungen vor mir kann ich noch abtasten. Pustekuchen, selbst die Hügelkette und die schöne Kiesgrube in Windrichtung warten nur noch mit etwas weniger als einem Nullschieber auf. So ein Mist!

 

Nur noch 350 m unter dem Kiel und das Gelände um mich herum ist grob zusammengefasst unlandbar. Also ergebe ich mich meinem Schicksal, bereite meine Helferlein über den Äther auf das Unvermeidbare vor und gleite in die flache Donauebene ab. Leider ist eine landbare Wiese hier nicht spontan auszumachen. Die steinigen Ackerfurchen oder hochbewachsene Felder unter mir projizieren auf meine geistige Netzhaut den Anblick von einem aufgeschlagenen Rumpfboot oder einem Ringelpietz mit Röhrenbruch. Steigender Pulsschlag, ”Nerven behalten und die Linsen aufreißen!”. Die Suche nach einem Landefeld vergeht in Zeitlupe, bis nur noch 150 m unter mir sind. Aber dann offenbart endlich die typische Textur im Grün eine frisch gemähte Wiese und noch eine andere etwas daneben. Das sind wirklich keine idealen Verhältnisse, denn beide Wiesen sind zu kurz und mit diversen Hindernissen davor und danach gespickt. Doch wenn ich hier jetzt noch weiter wählerisch bin, dann dreht sich gleich das Rad! Bei der einen Wiese ist noch eine weitere, kleinere seitlich versetzt vorgelagert, und wenn ich schräg reingehe, dann könnte ich den Anflug um knapp 100 m verlängern. Keine Wahl mehr, noch eine Kehre, dann die Spreizklappen voll raus und ich bombe rein. Über die Baustelle drüber und die Libelle schwebt endlich aus. Holperdipolter und der Flieger kommt einige Meter vor Ende des Feldes zum Stehen. Kein Schaden entstanden, alles noch heile, erleichtertes Aufatmen. Puuuuh!

 

Ich bin kaum ausgestiegen und schon ist der erste Reporter zur Stelle: Ein Junge kommt mit einer Kamera herbeigelaufen und bevor er irgend etwas sagt, macht er erst einmal einige Dokumentationsfotos. Muss ja was Dolles sein hier. Im nächsten Augenblick biegt auch schon ein Streifenwagen der örtlichen Gendarmerie auf die Wiese ein. Die hiesige Ordnungsmacht hatte zufälligerweise aufmerksam mein Hereinschweben verfolgt und möchte nun in Erfahrung bringen, warum ich dort jetzt ”notlanden” musste. Da stehe ich nun 150 Straßenkilometer vom Platz weg und ziehe alle Register, um den Herren klarzumachen, dass mir der Aufwind ausgeblieben sei, dass es sich hier um eine Außenlandung und nicht um eine Notlandung handeln würde und dass dieses ein ganz normaler Vorgang bei der Segelfliegerei sei. Sogar einige Brocken Dialekt lasse ich raus, denn als weltoffener Preuße gibt man sich Mühe, sich den Gegebenheiten anzupassen: ”Und zudem is’d Wies’n frisch g’maaht und am Fliaga, do feit aach nix.” Ja wo ich denn eigentlich gestartet wäre, ”aus Kirchdorf, am Inn ..., aus Deutschland, soso ... ohne Motor, ja da schau her...”, die Gendarmen beäugen mich ungläubig. Inzwischen haben sich eine Menge Schaulustiger um mich versammelt, das halbe Dorf scheint herbeigeströmt zu sein! In der Tat würde eine Würstchenbude und ein Getränkestand dem volksfestartigen Charakter den i-Punkt aufsetzen. Zur Krönung werde ich befragt, ob ich mit der Wahl dieser Wiese eine bestimmte Absicht verfolgt hätte, denn gleich neben der Wiese würde sich der Friedhof des Ortes befinden! Die Gendarmen nehmen gründlich meine Personalien auf und fotografieren danach die Flugmaschine ebenso akribisch ab. An dem Grad der Aufmerksamkeit, dem dieser Landung widerfährt, lässt sich eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür ableiten, dass in den nächsten Tagen ein passender Artikel in einer der hiesigen Lokalblätter abgedruckt wird. Wie wäre es z.B. mit der Aufmachung: ”Pilot aus Deutschland konnte sich durch eine dramatische Notlandung vor dem sicheren Tod retten!”

 

 

 

 

Unter den wachsamen Augen des Gesetzes!

 

Ein Gruppe von Radlern gesellt sich zu meiner Fangemeinde. Einer dieser Radler, Alfred Glatzmeier, gibt sich den Beamten sofort als erfahrener Fluglehrer zu erkennen und erklärt, dass hier tatsächlich alles in bester Ordnung sei. Ja sogar die ganze Radlertruppe entpuppt sich schnell als Gruppe von Segelfliegern aus Linz Ost - na das nennt man Zufall! Auf diese Weise beschwichtigt lassen die Beamten keine Anstalten erkennen, mich eventuell in Ordnungsgewahrsam nehmen zu wollen und rücken bald darauf mit militärischem Gruß ab. Jetzt erst findet sich die Zeit, in Kirchdorf bei meinen Fliegerkameraden anzurufen. Der Ort, wo ich zu finden wäre, liegt bei Mauthausen im Mühlenviertel und es werden Telefonnummern ausgetauscht. Der Gruber Sepp, treue Seele und erfahrener Streckenpilot, erklärt sich spontan bereit, mich abzuholen. Ab jetzt heißt es warten.

 

 

 

 

Die Aufregung nach der Landung legt sich; jetzt endlich in Kirchdorf anrufen!

 

”Am besten Du kommst jetzt mit uns mit. Mein Haus ist nur 300 m von hier, da wartet es sich besser”, meint Max Ortner, einer der Linzer Sportkameraden. Wie könnte ich nur einer solchen Einladung widerstehen?! Im Anwesen von Max bekomme ich erst mal ein Bier auf den allerschlimmsten Durst. Und die Sportlergruppe, denen ich da unversehens in die Fittiche geraten bin, hatten sich scheint‘s ohnehin auf einen geselligen Ausklang ihrer Radlertour eingestellt. Na passender geht es nicht. Und ich kann nur sagen, dass diese freundlichen Leute in ihrer warmen Herzlichkeit und unbeschwerten Art alles nur Erdenkliche tun, um mir den Aufenthalt hier im Mühlenviertel möglichst angenehm zu gestalten. Fliegergeschichten machen die Runde. Zunächst erklärt mir Alfred, in welchen Gebieten die Linzer so aktiv sind. Der Kerl ist ein Profi, das merkt man sofort. Ja und wo ich da abgesoffen bin, ”da gang‘s ja eh net g‘scheit”. Er zeigt mir auf der Karte den thermisch heißen Streifen an den östlichen Ausläufern des Bayerischen Waldes. Die aufwallenden Gedanken an meinen laienhaften Plan von heute werden fortan mit Grünem Veltliner runtergespült. Und dann lausche ich andächtig den Beschreibungen von der Rennpiste in den Alpen, wo die Leute an einem guten Tag mal so eben einen 1000er runterballern. Wieder Geschichten von Terra Incognita, das so fern ist in meinem Kopf, jenseits des Horizonts auf meiner gedanklichen Weltscheibe..., zum Wohl! Ein Grillfleisch gibt auch noch, ich lasse mich ja nicht schlagen! Ein Stamperl gefällig zur Verdauung, diese Landewiese empfehle ich von Herzen! ”Das war übrigens die einzige vernünftige Wiese im Umkreis von mindestens 5 km”, meint mein Gastgeber Max, ”aber trinke mal Deinen Wein aus, jetzt gibt es einen anderen!” Alles klar, ich muss ja nicht zurückfahren. Der Gastgeber und die Linzer leben hoch!...

 

In der geselligen Runde: Ernst, Regine, Gastgeber Max (seine Frau Traudi schafft gerade Getränke ran), Sissi und Günter. Unten bin ich. Wer noch fehlt ist der Alfred, der hat den Auslöser betätigt,...

...aber hier haben wir ihn nochmal extra.

 

Als meine Abholung dann irgendwann eintrifft, ist im Anbetracht der längst eingekehrten Weinseeligkeit das Gejohle groß. Nachdem sich alle Gemüter wieder beruhigt haben und auch der Gruber Sepp die Geschichte meines Tages kennt, bricht die Gemeinde geschlossen auf, um den Flieger in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne zu zerlegen. Ratz Fatz ist die Libelle wieder im Hänger. Hände werden geschüttelt und sich Lebewohl gewünscht. Hinter uns wird kräftig gewunken, als der Schleppzug langsam von der Wiese rollt. Ein kleiner wehmütiger Kloß liegt mir im Hals. Das was wirklich nett, unvergleichlich viel schöner als eine Landung mit viel Hängen und Würgen auf einem anderen Flugfeld. Wer so was nicht einmal erlebt hat, davon bin ich inzwischen auch überzeugt, dem entgeht bestimmt eine der schönsten Facetten dieses Sports. Sieg oder Wiese, ab einem Meter Steigen wird angegriffen! Wirklich ein stückweit pures Abenteuer. Wo hat man so etwas schon noch im zivilisierten Mitteleuropa?! Zudem habe ich für meinen Teil mindestens so gut gelebt wie ein König in Frankreich. Und wem einmal der Aufwind wegbleibt, dem wünsche ich von ganzem Herzen ein ähnliches Erlebnis mit solchen Leuten, wie ich sie heute traf.

 

Bis zum nächsten Mal, Harald

 

Die Flugbahn an jenem Tag (einen Flugplatz Erla gibt es übrigens nicht!).