Warum in die Ferne schweifen...

 

3-4 Achtel Cumuli bis zum Horizont, Basis bei eins-acht, Steigen schon kurz nach 11 um die 3 Meter. Ein idealer Tag um auf Strecke zu gehen...
...denke ich so bei mir, als ich kurz nach halb eins aus dem Cockpit steige, um mich auf unserem Landeacker näher umzusehen.
Immerhin, die Gegend hier könnte für "Unsere schöne Heimat" herhalten. Entlang eines schmalen Asphaltweges (den ich vor der Landung voller Überschwang "die Bundesstraße da" nannte) reihen sich knöcherige Apfelbäume in sattem grün, in ihrem Schatten rotten alte Bewässerungsräder zufrieden vor sich hin. In der Ferne flimmert ein Kirchturm, gleich einem Fanal der Zivilisation. Die ganze Szenerie wird eingehüllt vom sonoren Klang der Mähdrescher, die unermüdlich Außenlandefelder produzieren. Verspielt hat sich der Twin Astir tief in den weichen Ackerboden gewühlt. Die Staubwolke vom ausrollen schwebt noch über dem Acker, als ich der Situation recht bildhaft mitteile, was ich von ihr halte.
Doch ich beschließe, es mit Fassung zu tragen. Es sollte ein Trainingsflug für den Wettkampf nächste Woche werden. Und was gehört schon so trainiert wie eine reibungslose Außenlandung?
Auch Marcel, heute Frontseater, scheint mit der Situation nicht allzu unglücklich zu sein. Mit oberflächlich gespielter Enttäuschung entsteigt er unserer fliegenden Trimmbombe und wühlt die Kamera aus dem Gepäckfach. Nicht, dass Außenlandungen bei uns besonderen Seltenheitswert hätten, aber ein landschaftlich so schön gelegener Acker gehört doch dokumentiert.
Während ich geflissentlich die Ablösung ignoriere, die sich gerade an der Waldkante gegenüber auf den Weg macht, rauscht auch schon der erste Zuschauer heran. Der junge BMW-Fahrer quittiert die blumige Schilderung unserer außergewöhnlichen Situation mit einem faszinierten "Na jut", findet sich aber auf die Frage nach der nächsten Ortschaft sofort bereit, uns bis zum Ortsschild mitzunehmen. Anscheinend hat er dabei ein ganz besonderes Schild im Auge, denn 3 leicht schadhafte Exemplare läßt er kommentarlos links liegen.
Während wir zu den seichten Klängen von Thunderdome XXV durch den niederen Fläming jagen, laufen vor meinem inneren Auge bereits Fernsehberichte über das rätselhafte Verschwinden zweier junger Segelflieger ab. Doch noch bevor sich in mir nennenswerte Panik breitmachen kann, findet unser Entführer zwei Ortschaften weiter endlich ein Ortsschild nach seinem Geschmack. Wir heucheln Dankbarkeit und stolpern ratlos auf die Kreuzung.
Zwar befinden wir uns immer noch im Nirgendwo, aber von hier aus ist die Zivilisation wenigstens ausgeschildert. Den Kennzeichen der vorüberfahrenden Autos zufolge haben wir es immerhin bis in den übernächsten Landkreis geschafft. Wohl oder übel müssen wir jetzt unserem Rückholer die traurige Botschaft überbringen. Obwohl, weit hat er es ja wahrlich nicht. Mein Mobilfunkbetreiber folgt auch heute seinem eisernen Grundsatz, Außenlandeäcker grundsätzlich nicht mit einer Netzabdeckung zu segnen, und so muß Marcel mit seinem D1-Handy ran (Ob Timo Beil wohl Segelflieger ist?).
Jochen, seines Zeichens Jugendleiter und heute unser Rückholer, zeigt sich aber nicht etwa erbost ob der frühen Landung sondern eher freudig erregt über die Möglichkeit, einen Ausflug ins nähere Umland unternehmen zu können. Ich beginne zu glauben, dass unserem Verein die nötige kämpferische Einstellung für den Leistungssegelflug fehlt.
Warum auch riesige Strecken rumreissen, wenn man allen mit einer simplen Außenlandung so viel mehr Freude bereitet? Sowieso entspricht die gute alte Zielstrecke ja viel mehr dem Gedanken des Streckensegelfluges als abstrakte Dreiecke oder Jojos, bei denen einem nur Strepla sagt, wo man gewesen ist. Die Zielstrecke hingegen entreisst die zurückgelegten Kilometer ihrer abstrakten Zahlenwelt und macht sie für den Piloten direkt begreif- und erlebbar. Wo lernt man das lautlose Dahingleiten über Wälder, Städte und Felder mehr zu schätzen als auf den holprigen Kopfsteinpflastern der Rückholstrecke?
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während wir uns auf den Rückweg zum Flugzeug machen. Mittlerweile ist es an zwei Uhr und das magere Frühstück fordert seinen Tribut. Aber in dieser kargen Landschaft, in der die Menschen jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen und allwochenendlich unglaubliche Strecken mit ihren primitiven koreanischen Kleinwägen zurücklegen, nur um wie ein Heuschreckenschwarm in die Einkaufszentren der Region einzufallen, erscheint ein Restaurant wie ein schöner Traum. Doch was ist das? Sollte uns das Schicksal gerade freundlich zuwinken? Dort am Wegesrand wirbt eine Waldgaststätte mit "guter Deutscher Küche". Beseelt von der Vision eines Schnitzels mit Bratkartoffeln prüfen wir eilig unsere Finanzlage und beschließen dann, einzukehren. Weit und breit niemand zu sehen, als wir uns dem Ort der Verheissung nähern. Nur ein kleines Schild baumelt lustig an der Eingangstür und verkündet uns, dass der Wirt seit gestern im wohlverdienten Sommerurlaub ist. Hmm. Marcel erinnert sich spontan einer halben Salatgurke, die er vor dem Flug eingepackt hat. Getrieben von der Aussicht auf dieses fulminante Mal machen wir uns wieder auf den Weg zu unserem Acker.
Die Siedlungen, die wir nun durchqueren, entführen uns in eine Zeit weit vor der Wende. Bis auf den rostigen Golf am Straßenrand zeugt hier nichts von den Geschehnissen der letzten 15 Jahre. Es geht die Karl-Marx-Straße entlang, über den Willhelm-Piek-Platz und so weiter...
Vier weitere Ikonen des Arbeiter- und Bauernstaates später haben wir unseren Plastebomber wieder erreicht und verbringen die nächsten Stunden mit einem Mittagsschläfchen unter der Fläche. Segelflugromantik pur. Ein blauer Polo vollbeladen mit erstaunten Rentnern defiliert ein paar mal im Schritttempo vorbei, anhalten wollen sie dann aber trotz unseres freundlichen Winkens doch nicht. Notiere: bei der nächsten Außenlandung ein Schild "Bitte nicht füttern" dabeihaben.
Irgendwann erscheint auch der Bauer, der sich mit seinen sachkundigen Fragen ("Ach, war ma widder dor Aufwind zu schwach, wa?") sofort als intimer Kenner der Segelflugszene zu erkennen gibt. Doch noch bevor Marcel richtig aus seinem Schlaf erwacht ist, entschwindet unser Gast auch schon wieder.
Gegen fünf dann trudelt auch endlich unser Rückholteam ein. Und das gleich mit zwei Autos! Alle wollen sie teilhaben an unserer Kurzreise. Außenlandetourismus at its best. Was solls, unser Mißgeschick läßt sich eh nicht mehr verheimlichen. Mittlerweile hat das Wetter so richtig aufgebaut und entsprechend zweifelnd blickt das Rückholervölkchen drein. Sie lassen sich aber schlussendlich davon überzeugen, dass da, wo sich jetzt Cumuli tummeln, vorhin eine einzige Abschirmung stand.
Also ran an die Mühle, Hänger vors Flugzeug geparkt, runterkurbeln...
"Jochen, gib mal den Hängerschlüssel!"
"Welchen Hängerschlüssel?"
Ich liebe diese Momente im Leben, die eigentlich nur dem Drehbuch einer zweitklassigen Fließbandkomödie von Sat.1 entsprungen sein können. Aber zum Glück ist es nur ein kleines Vorhängeschloss. Ein Bolzenschneider dürfte die Situation entspannen.
Mit einem reumütig dreinblickenden Jochen eile ich zurück ins Dorf, um am nächstbesten Gartenzaun mit meinem mitleiderregendsten Blick vorzutragen: "Entschuldigung, ich bin da hinten auf dem Acker mit 'nem Segelflugzeug gelandet und mein Rückholer hat den Schlüssel für den Hänger vergessen, ob sie vielleicht 'nen Bolzenschneider hätten?". Eigentlich habe ich fest damit gerechnet, dass der Alte, der uns gegenübersteht, jeden Moment seine Flinte zückt und uns vom Hof jagt, aber er begnügt sich mit einem sehr zweifelnden Blick und einem gemurmelten "Ne, haichnich.".
Abwechselnd tragen wir unser ungewöhnlich Anliegen Hauseingang für Hauseingang vor und nähern uns mittlerweile wieder bedrohlich dem Ortsausgang. Vielleicht liegt es an unserem Rückholmercedes Baujahr '79 mit der weißen Stofftaube auf dem Stern und dem Rendsburger Saisonkennzeichen, der so gar nicht in das Bild des gemeinen Bolzenschneiderdiebes passen will, dass endlich ein geistesgegenwärtiger Häuslebauer Vertrauen fasst und meint: "Ne, Bolzenschneider hab ich net, aber ihr könnt 'ne Eisensäge kriegen. Könnter nachher denn einfach hier auf die Eingangsstufe legen."
Siegestrunken in unser Glück vertieft kehren wir mit der Trophäe zum Hänger zurück. Dort angekommen müssen wir leider feststellen, dass Eisensägen auch nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Als erste sieht die Fixierschraube des Sägeblattes die Sinnlosigkeit unserer Unternehmung ein und verabschiedet sich leise und unauffällig in Richtung Ackerboden.
Das sind Szenen, die das Leben schreibt: 6 halbnackte Leute hocken im Halbkreis vor einem Flugzeug auf dem Acker und wühlen fluchend am Boden herum. Nach kurzer Zeit geben wir auf und behelfen uns mit einem Stück Tüdeldraht. Nach einer weiteren Viertelstunde hat das Schloss ein Einsehen und gibt, wahrscheinlich aus Mitleid, auf. Unter allgemeinem Jubel öffnet sich der Hänger.
Was jetzt noch kommt, ist Routine. Leitwerk ab, Flächen entlasten, Sicherungen lösen, Fläche raus, verstauen, andere Fläche raus, fluchen weil das Mistding nicht will, zerren, bisschen höher, wieder fluchen, mal jemand anders gucken lassen worans liegt, weiter zerren, wieder mal fluchen, nochmal jemand anders gucken lassen, erkennen, dass die Sicherungen nicht gelöst waren, kleinlaut die zweite Fläche verstauen, Rumpf rein, Hänger zu.


Zurück am Platz erreicht uns die frohe Botschaft, dass wenigstens einer heute die Fahne des Vereins hochgehalten hat: Dirk ist mit seinem Discus weit über die 800km-Marke geflogen. Wir finden, durch unsere frühe Landung haben wir diese enorme Leistung noch einmal deutlich unterstrichen. In einer Zeit, in der es an der Tagesordnung ist, 400er Jojos zu fliegen, haben wir mit 69 Kilometern Wertungsdistanz wieder einmal die Erwartungen auf ein erträgliches Maß heruntergeschraubt.

Ein Twin im Kornfeld...
Blühende Landschaften
Fundstück am Wegesrand
Erklären Sie das mal Ihrem Rückholer!
Eisensägenmassaker in drei Akten
Die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen
Retrospektive auf unseren schönen Acker

 

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