Aussenlanden wie Gott in Frankreich
oder Das Mega-Bescheid

Vorgeschichte zum zweiten Teil des Titels:
Während der Saison 2002 gab es eine Aussenlandung der Vereins-Ka8 in der Nähe des Ortes "Bescheid", welches sich bis dato erfolgreich am Nordrand der Eifel vor dem Zugriff der Zivilisation versteckt hatte. "Ort" ist allerdings reichlich übertrieben - eine zufällige Ansammlung von Bauern-Häusern, die es nicht über ein grünes Hinweisschild am "Orts"eingang hinaus gebracht hat. Obwohl die Aussenlandung nur knapp 30 km vom Flugplatz entfernt stattfand, war die Rückholung mit einem Aufwand verbunden, die eine eigene Geschichte wert gewesen wäre.
Seit dieser Rückhol-Aktion wird jede Aussenlandung im Verein mit einer "Bescheid-Wertung" versehen. In diese fliessen - für den Rückholer wichtige - Punkte ein, wie z.B.:
- Entfernung zum Flugplatz (nicht Luftlinie, sondern die Fahrstrecke des Rückhol-Autos; ist in der Eifel von immenser Bedeutung)
- Erreichbarkeit des Ackers im Allgemeinen (Autobahnanbindung, Zustand der Strassen und Wege, Beschreibung der Rückholtour und der genauen Position des Fliegers, Postieren von Helfern oder des Piloten an wichtigen Kreuzungen oder Abfahrten)
- Demontage des Fliegers vor Ort (kann mit dem Hänger direkt vor den Flieger gefahren werden oder muss weit geschoben oder sogar der Flieger zerlegt und über irgendwelche Hindernisse gewuchtet werden)
- Rahmenprogramm (kulinarische Versorgung der Rückholer durch Ortsansässige, Kneipe oder Badesee in der Nähe)
Aus diesen und weiteren vor Ort spontan definierten Kriterien vergibt die Rückholmannschaft eine Bescheid-Wertung, eine Zahl, welche sich im Intervall (0,1] befindet. Links offenes Intervall, die 0 ist für die Landung am Flugplatz reserviert; die 1 steht somit für den höchsten zu vergebenen Wert: 1 Bescheid.

So dachte man wenigstens... Bis zu jenem 05.08.2003

Der Flug war eigentlich sehr schön:
Bei Blau-Thermik Start um 15:16 Uhr zu einem 311km-Dreieck mit der Vereins-ASK 21 während des Poitiers-Wettbewerbes in Frankreich (ein Super-Wettbewerb nur für Doppelsitzer, bei dem es keine Aufgaben gibt, die alle fliegen müssen, sondern jeder sich morgens eine Aufgabe aus einem Aufgaben-Katalog aussucht. Weiterhin gibt es eine eigene Index-Regelung, die dazu führt, dass eine ASH 25 oder ein Nimbus 4 fast doppelt so weit fliegen muss wie eine 21, um auf gleiche Punktzahl zu kommen).
Nach dem Schlepp den ersten Bart gut getroffen, danach zweimal ausgegraben, auf dem ersten Schenkel noch viel Arbeit, dann aber kamen die ersten Wölkchen und es wurde richtig gut. Auf dem zweiten Schenkel ein riesiger brennender Acker, der mir einen 4,6m-Bart bescherte (in 6 1/2 Minuten 1800m Höhengewinn auf fast 3300NN). An der zweiten Wende sah die Sache allerdings nicht mehr so gut aus, die Wolken zerfielen und Richtung Heimat nur noch Dunst. Die nächsten 60km tat sich überhaupt nichts mehr. Weder die einzige grössere Stadt auf dem Rückweg (Le Blanc), noch ein Feuer (der kleine Knick im Loggerschrieb kurz vor der Landung) zogen.
Also doch wieder zu den Kühen. Schnell einen passenden Acker mit einer Strasse in der Nähe ausgesucht, Klappen raus, Landung um 19:50 Uhr auf einem umgepflügten Stoppelacker. Noch vor dem Aussteigen per SMS die Lande-Koordinaten an den Rückholer geschickt. Der hatte ein Garmin-12 dabei und konnte somit jeden Stein in Frankreich finden.

Bei der näheren Besichtigung der Acker-Umgebung kamen erste Zweifel auf, ob dass denn alles so einfach werden würde mit der Bergung des Fliegers: Der Acker war staubtrocken und somit recht tief - für den Rückhol-Golf und den Hänger nicht zu befahren -, die direkte Zufahrt von der Strasse auf den Acker wurde durch einen 80cm tiefen und 50cm breiten Graben behindert. Aber so ein Acker hat in der Regel vier Seiten und irgendwie muss der Bauer ja auch auf seine Acker kommen. Also war erst mal Kontaktaufnahme mit den Eingeborenen angesagt.
Nach einem längeren Marsch an Mais- und Stoppelfeldern vorbei kam ein Bauernhof in Sicht, bei dem wir auf eine etwa 20 Personen umfassende Familien-Fete stiessen. Alle waren super-freundlich und interessiert, nur war das Französisch von mir und meiner Copilotin genauso rudimentär wie das Deutsch und Englisch des Bauern-Clans. Mit Hilfe einer Michelin-Strassenkarte, eines Handys und einer Menge Franzengldeutsch konnten dennoch alle benötigten Informationen ausgetauscht werden: Wir dahinten gelandet, ja Segelflugzeug, alles OK, wo sind wir?, ah da, ja wir werden abgeholt, danke für die Hilfe.
Weiter gings Richtung Strasse, die, wie gesagt, keine Zufahrt zum Acker bot. Den Weg über den Bauernhof zum Acker versperrte ein weiterer tiefer Stoppelacker, diese Variante schied also auch aus. Aber wenn man einmal um den Acker herumfahren würde, dann würde sich irgendwo schon eine Zufahrt finden lassen. An der Strasse angekommen wurde die zweite SMS getippt, um einen genauen Treffpunkt mit den Rückholern zu vereinbaren und um die bevorstehende Bescheid-Wertung ein wenig zu drücken. Leider ist der Empfang eines Handys in dieser Region sehr anfällig bei Senken jeglicher Tiefe und, da wir uns in einer solchen befanden, hatte ich für die zweite SMS kein Netz mehr. Eine neben der Strasse postierte Pyramide aus Heuballen bot Abhilfe. Ich musste nur die 7 Meter auf die Spitze klettern, das Handy ganz nach oben halten, 10 Sekunden warten und dann auf "abschicken" drücken. Währenddessen hatte sich meine Copilotin an den Gaben der Natur gelabt und in einen frisch geklauten Maiskolben gebissen. Und wieder einmal wurde bewiesen: Natur ist stärker als Technik, in diesem Fall als Keramik. Das Provisorium ihrer Schneidezähne hatte seine maximale Belastung überschritten und war einfach so kaputt gegangen.

Um kurz vor 21:00 Uhr kam der Hänger in Sicht, alles quetschte sich in den Golf (zwei Piloten, Fahrer, Beifahrer, 11-jähriger Sohn des Fahrers), die Lage wurde erklärt und es wurde beschlossen, einmal um den Acker rumzufahren und die beste Zufahrt zu suchen. Während der Fahrt konnte man auf dem Garmin wunderbar die Entfernung und Richtung zum Flieger erkennen: 300m, 90 Grad rechts, ja stimmt, da ist die Baumreihe hinter dem Graben. Als die nächste befahrbare Strasse in Richtung Acker erreicht war, stand auf dem Garmin: 2,8 km, 175 Grad rechts. Aber jede Strasse, die jetzt kommen würde, würde uns wieder näher an den Acker bringen. Die Entfernungsanzeige auf dem Garmin ging aber nicht mehr unter 2 km. Nach weiteren 10 Minuten des Acker-Umkreisens kam eine Abzweigung mit einer Strasse genau in Acker-Richtung. Bingo! Die Gewinner-Strasse! Nur endete diese nach 600 Metern auf einem Bauernhof.
Die Szenerie, die sich bot, erinnerte stark an die Stadt in Mad Max III: mehrere von der Natur arg geschundenen Häuser, so ziemlich jedes vom Menschen domestizierte Getier flatterte, lief oder hüpfte über den Hof, das halbe Dutzend Hunde war nicht ohne Grund an Seile angebunden, mit denen man eigentlich Segelflugzeug schleppt. Sofort stürzte das Bauernpaar auf uns zu, erfreulicherweise ohne Schrottflinte oder Forke. Wir versuchten zu erklären, dass wir ein gelandetes Segelflugzeug suchen würden, das da hinten irgendwo gelandet sei. Der Bauer schwang sich sofort auf sein Fahrrad und verschwand in die angegebene Richtung. Die Bäuerin merkte, dass wir sie nicht besonders gut verstehen konnten (die Französisch-Kenntnisse waren durch die beiden Rückholer nur unwesentlich verbessert worden), doch statt langsamer und deutlicher zu sprechen, sprach sie immer lauter und fing an, wild mit den Armen zu fuchteln. Wenigstens machte sie ein Gatter zu einer Wiese auf, durch das wir weiter in Richtung des Ackers fahren konnten. Was auf dieser Wiese los war, ist schwer zu beschreiben: ein alter Bus, fünf alte PKWs, vier alte Traktoren, mehrere LKWs oder zumindest Teile davon, landwirtschaftliches Gerät, dessen Nutzen sich nur Insidern erschliessen dürfte, alles wohl in Kriegszeiten gesammelt und seitdem auch nicht mehr angerührt, dazwischen eine blökende Schaaf-Herde und als Krönung lag mitten auf der Wiese ein totes Schaaf, alle Viere von sich gestreckt und, nachdem die Höchsttemperatur in den letzten 5 Tagen immer deutlich über 40 Grad lag, entsprechend aufgebläht. Es fehlten eigentlich nur noch die Geier und die Mundharmonika aus "Spiel mir das Lied vom Tod" als Hintergrundmusik.
Nach 5 Minuten kam der Bauer zurückgeradelt: ja er könne was Flugzeug-ähnliches erkennen, aber da würde man von hier aus nicht hinkommen. Also wurde um das tote Schaaf gewendet und der Bauernhof verlassen. Da es mittlerweile 21:45 Uhr war und langsam dämmerte, wurde beschlossen, den gesamten Weg zurückzufahren und zu versuchen, über den ersten Bauernhof an den Flieger ran zu kommen.

Dort angekommen wurde das Gespann erst mal auf dem Bauernhof geparkt und in drei Erkundungs-Trupps ausgeschwärmt, um einen Weg zum Flieger zu finden. Nach nur einer halben Stunde Sucherei wurde Vollzug gemeldet: Es konnte ein Feldweg ausgemacht werden, der zumindest in Richtung des Ackers führte (hier Feldweg = baumfreier Trampelpfad in ausreichender Breite mit zwei etwa 10-20cm tiefen Spurrillen). Also Golf+Hänger in Schrittgeschwindigkeit in Richtung Acker. Inzwischen war es dunkel geworden, was den Rest der Aktion nicht gerade erleichtern sollte.
Zwischen dem Ende des Feldweges und dem Aussenlande-Acker befand sich noch eine etwa 200m breite Wiese, die, bis auf leichte Unebenheiten, keine Herausforderung für den Golf darstellte. Bis diese Wiese halt zuende war: dort war der Bauer im Frühjahr mit seinem Traktor hin und her gefahren und hatte zwischen Wiese und Acker eine Unmenge von knie-tiefen Furchen gezogen. Da auch die Golf-Scheinwerfer im Dunkeln solche Furchen nicht mal erahnen lassen, ging der Golf mit der Forderachse in die Knie und die Stossstange setzte unsanft auf. Also alles raus, Hänger abhängen, Golf herausheben. Und in der Ferne konnte man im Scheinwerfer-Licht zum ersten Mal eine Tragfläche erkennen.
Nächstes Problem: Da der Hänger nicht zum Flugzeug kam, musste das Flugzeug zum Hänger.

reichlich genervter Pilot kurz vorm Abrüsten

Das bedeutete: Flugzeug etwa 200 Meter im Dunkeln zum Hänger ziehen (zum Glück hatte der Golf das Seil dabei, mit dem auf dem Flugplatz der Flieger gezogen wurde) und zwar senkrecht zu den Acker-Furchen. Golf-Scheinwerfer aufs Flugzeug ausrichten, dann vier Personen am Seil ziehen, der 11jährige Sohn an der Tragfläche, alle 20 Meter Pause und verschnaufen, alle 40 Meter musste einer unter den Flieger und den Radkasten freischaufeln. Erleichtert wurde das ganze allerdings dadurch, dass die Temperatur langsam unter 35 Grad fiel. Nach etwa der Hälfte der Strecke ein Schrei: "Alles Halt, meine Zähne!!" Noch mal zu Verdeutlichung der Situation: Absolute Dunkelheit, in etwa 100 Meter Entfernung zwei kleine Golf-Scheinwerfer, ein staubiger, umgepflügter Stoppelacker, eine bisher nicht gerade prickelnd gelaufene Rückholaktion, vier wie die Schweine schwitzende Flieger und jetzt sollen wir auch noch Zähne suchen!!
Dank des nicht sonderlich hohen Tempos, das wir beim Ziehen des Fliegers erreichten, war der Suchbereich nicht allzu gross und: Welch Wunder! Die Zähne konnten nach kurzer Zeit von ihrer Inhaberin gefunden werden!
30 Minuten später wurde der Hänger erreicht (zu diesem Zeitpunkt ist auch das einzige Beweis-Foto gemacht worden).

Die Schwierigkeiten, die dann während des Abbau des Fliegers auftraten, waren nur noch Peanuts. Ohne sich die Knochen zu brechen und die Flächen fallen zu lassen, wurden die Gräben zwischen Acker und Hänger überwunden. Der Rumpf wurde an einer Stelle, an der die Gräben nicht so tief und zahlreich waren, rübergetragen (Problem hierbei: Rumpf musste zunächst 30 Meter geschoben werden und dann wäre uns fast das Seitenruder zerbröselt als der Sporn in einem dieser Gräben hängenblieb).

23:45 Uhr: die Hängerklappe schliesst sich
Den Weg zum Bauernhof zurück kannte man ja jetzt. Dass wir mit drei Leuten vor dem Gespann hergingen, um weitere Überraschungen mit Furchen, Gräben oder Löchern zu vermeiden und somit wieder nur im Schritttempo vorankamen, war fast schon egal.
Die Familien-Fete am Bauernhof war immer noch im Gange und so kamen wir nicht herum, den Hänger noch mal aufzumachen, um den vielen Kindern zu beweisen, dass da wirklich ein Flugzeug drin war. Man reichte Speis´ und Trank, aber Speis´ wartete noch auf dem Flugplatz und was den Trank angeht: Das war das erste (und hoffentlich letzte) Mal, dass von allen Beteiligten ein Bier abgelehnt wurde und man lieber zu Wasser griff.

01:15 Uhr: Ankunft am Flugplatz nach 35km Fahrtstrecke.

Abschliessende Bemerkungen:
Ich hoffe, dass die Geschichte nicht zu lange geraten ist, aber ich wusste nicht, was man hätte auslassen können.
Mir gab das Aufschreiben der Geschichte jedenfalls die Möglichkeit, alles mental zu verarbeiten und nächstes Jahr nicht völlig traumatisiert am Platz rumzugeiern. Weiterhin wurde allen Legenden- und Mythen-Bildungen, die auch in unserem Verein um sich greifen wenn so eine Geschichte überliefert wird, ein Riegel vorgeschoben. Geschrieben wurde die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Benennung von Zeugen auf Anfrage. ;-)
Die Einstufung in die Bescheid-Wertung läuft noch. Die Einführung der neuen Einheit "1 La Puye" ist wahrscheinlich.
Entschuldigen muss ich mich noch bei der Frau des Rückholers, die etwas vorschnell um 20:30 Uhr die Kartoffeln aufgesetzt hatte, fast 5 Stunden auf uns warten musste und, um wach zu bleiben, sich ein Bit nach dem anderen eingeworfen hat. Sorry.