Beinahe


Geschichte einer Aussenlandung, die dann doch keine geworden ist.


Rheinland Pfälzische Landesmeisterschaft in Pirmasens, 08.08.2002, 4. Wertungstag – Wetter eher bescheiden, obwohl die Optik eigentlich gut ist. Aber die Luft ist feucht, extrem labil, es besteht die Gefahr von Überentwicklung und feuchten Abschirmungsfeldern. Aufgabe Götzenbrück Sender – ganz knapp in Frankreich drin -, Kusel Flugplatz, Dillingen Flugplatz und zurück nach Pirmasens.


Die Geschichte sieht vor dem Abflug eigentlich machbar aus: 1500 Meter Basis NN, gar nicht mal so schlechte Steigwerte. „Wir lassen ein paar Mann als Bojen vorn weg fliegen, und gehen ein paar Minuten später hinterher.“ Teamkollege Peter Preisegger (TS) in seiner Libelle nickt über Funk. „Klingt wie eine gute Idee.“ Fünf Minuten später fliegen die LS-4-Jungs – Buddy, Uwe und Matthias – ab. Komisch, das machen die doch sonst nie! Egal, bessere Thermik-Bojen als die Drei können wir gar nicht finden – also hinterher.


Rund zehn Kilometer nach dem Abflug kommt mir einer entgegen – mindestens 500 Meter tiefer, schlicht auf Gegenkurs: Jörn Wehle mit seiner Standard-Libelle. Was hat denn den geritten? Weitere fünf Kilometer weiter wird´s klar: Die Basis sinkt um runde 200 Meter ab, die Steigwerte im ersten Bart sind auch eher bescheiden. Doch statt auf die gleiche Idee wie Jörn zu kommen und einfach zurückzufliegen, ziehen wir weiter. Schließlich ist das Gelände hier ja auch runde 200 Meter tiefer! Der nächste Bart ist wieder schwach, Peter meint: „Den müssen wir bis oben hin nehmen.“ Stimmt, denn bis zur Wende ist´s dunkel – alles abgeschattet, ein paar winzige Flusen zwischendrin. Also gleiten! McGready Null – ich lasse so viele Leute an mir vorbei, wie´s geht, damit ich einen besseren Eindruck von der Luftmasse vor mir bekomme, damit ich sehe, wo´s wenigstens ein bisschen hebt oder wenigstens nicht stark fällt. Bis zur Wende ist das Gefühl gar nicht mal schlecht, doch nach dem Rumdrehen kommt der optischen Schock: Die Wolke von eben ist aber verdammt weit weg!!! Und so eine Club-Libelle gleitet normalerweise ja nicht so wie eine LS 4!!!


Vor mir gleiten inzwischen vier LS 4en: Buddy, Uwe und Matthias – und dann ist da noch Karl-Heinz Pohmer mit der X1. Peter hängt links hinter mir – wir gleiten und gleiten. Die Luft wird unruhig, Karl-Heinz dreht einen Kreis, es hebt ihn kurz, dann verliert er. Die drei anderen sind etwa einen Kilometer weiter vorn, das Gelände kommt näher – und so richtig viel zu landen gibt´s hier auch nicht. Plötzlich hebt´s – einen Meter etwa. Vorn hüpfen Uwe und Matthias gerade noch so über ein Waldstück – wenn ich da hin will, dann darf ich jetzt nicht kreisen. „Ich hab´ eine halben Meter“, meldet Peter von hinten. Wenn ich den aber nicht gleich richtig kriege, dann langt´s mir nicht mehr rüber zu den drei anderen. Ich gleite weiter, bin mir nicht so richtig sicher, ob das die richtige Entscheidung war. Plötzlich richten Uwe und Matthias auf und schlagen rechts und links der Straße auf. Schöne Sch....!!! Immerhin – Uwes Acker werde ich wohl auch schaffen.


Vor dem Acker eine Hochspannung, und vielleicht hundert Meter drüber hängt Buddy. Der ist zäh, der ist immer der zäheste von uns allen – also hin. Wenn der nicht landet, dann lande ich auch nicht. Das blöde ist bloß, dass ich noch mal fünfzig Meter weniger habe als er. Naja, notfalls wird die Hochspannung unterflogen. Jeder Kreis wird zur Zitterpartie – nach einmal rum oder landen? Noch einmal rum, okay, noch einmal rum. Das Vario zittert um die Null herum – Peter schlägt einen Kilometer von mir auf einem ruppigen Acker auf. Er hat´s nicht über den Wald geschafft. Ich hab´ inzwischen deutlich Steigen – aber immer nur einen halben Kreis. Ich bin einfach zu weit unten – irgendwie kommt hier die aufsteigende Luft aus allen möglichen Ecken. Buddy über mir steigt inzwischen etwas besser – ich kämpfe um jeden Meter. Das VP9 von Peschges zeigt Erfolg und Misserfolg metergenau an – eine echte Hilfe.


Buddy verlagert, steigt plötzlich deutlich besser. Und ich kann nicht mit – sonst häng´ ich irgendwann doch in der Hochspannung. Aber ein bisschen kann ich in seine Richtung, jetzt habe ich immerhin einen halben Kreis Steigen und auf der anderen Seite kein Fallen mehr. Neben Peter schlägt Werner Heckmann mit seiner DG 100 ein – er setzt so hart auf einer Welle auf, dass er zur Untersuchung der Wirbelsäule ins Krankenhaus muss, zum Glück aber nichts passiert. Unter mir rollt eine DG 300 – vielleicht einen Kilometer von Matthias und Uwe entfernt. Ich sehe Matthias und Uwe über ihre Wiese laufen – Mensch, Matthias hat übersehen, dass er auf einer ziemlich bevölkerten Weide gelandet ist!!! Der wird mit den Viechern noch einen Spaß kriegen!!!


Inzwischen bin ich klatschnass geschwitzt, Peter verfolgt auf seinem Acker per Funk unseren Kampf – aber es geht aufwärt, irgendwie geht´s aufwärts. Buddy über mir dümpelt schon längst nicht mehr von Steigen zu Steigen, sondern hängt schon richtig satt im Aufwind. Jetzt erst kommt so langsam die Erleichterung – das könnte noch mal geklappt haben. Sieben Flugzeuge liegen inzwischen unter mir – ich kann sie alle sehen. Buddy fliegt ab – ich sollte ihn für diesen Tag nicht noch einmal zu Gesicht bekommen. Inzwischen sind die Leute da, die deutlich später abgeflogen sind, und das ganze Geschehen und die vielen Flugzeuge am Boden sicher mit Verwunderung sehen. Inzwischen ist die Einstrahlung längst wieder da – für alle, die später abgeflogen sind als wir, war die erste Wende überhaupt kein Problem – aber auch gar keines!!!