In den Bergen fliegt man tiefer als man denkt Teil I

Nun war es endlich soweit - der Berg rief und wir kamen.

Nachdem mich Klaus, unser frischgebackener Vereinsvorsitzender und erfahrener Alpensegelflieger, für die österreichischen Alpen begeistern und die Familie von der Notwendigkeit eines reinen Segelfliegerurlaubs überzeugt werden konnte, waren wir mit einem Ventus CT und einer LS4a erwartungsfroh auf dem Flugplatz Niederöblarn angekommen.

Nach ersten Erkundungen in der Umgebung, Bezug der gemütlichen kleinen Pension (für sagenhafte 15 EUR ÜF) und der Anmeldung beim Flugleiter waren wir schnell einig, eine hervorragende Basis für die kommenden Tage gewählt zu haben. Das Wetter versprach gut zu werden und sicher standen uns schöne Flüge bevor.

Am 12.06. beschlossen wir, das erste Mal in die Luft zu gehen. Ich hatte bislang keine nennenswerte Gebirgserfahrung, einige abenteuerliche Geschichten über die Pioniere des Gebirgssegelfluges und eine Handvoll Ratschläge und Erfahrungsberichte im Kopf, als wir die Flugzeuge zum Rollfeld und der wartenden Robin 400 schoben. Der Himmel war klar und blau als sich die ersten Cumuli über den Hängen bildeten.

Das Wetterbriefing ließ einiges hoffen und ich war gespannt, ob die Thermik wirklich so gut wäre, wie es mir vorhergesagt wurde. Ich ahnte nicht, daß dieser Flugtag noch einige Überraschungen für mich bereithalten sollte...

Die erste war der F-Schlepp. Nach dem Abheben ging es kurz mit ca. 20 nach rechts, um dann dem nahenden Hausberg mit einer abrupten 180 Steilkurve nach links zu entgehen. Entsetzen! Was mir nun den blanken Schweiß auf die Stirn trieb, schien hier niemanden zu stören: Bäume in greifbarer Nähe, mehr Land über als unter dem Flugzeug und das unheimliche Gefühl, daß diese Berge eigentlich viel zu nahe aneinander stehen...

Meine Entscheidung in einer Höhe von 800m GND auszuklinken wurde nach nur 25min durch eine Landung auf dem Flugfeld quittiert. In den Ärger um den verpatzten Start und die jetzt erst abzuwartende Mittagspause des F-Schlepp-Piloten mischte sich die Erkenntnis, daß man in den Bergen mit anderen Höhen rechnen müsse. Zu langsam, wie sich später zeigen sollte...

Während Klaus bereits geraume Zeit unterwegs war, schaffte ich den Aufstieg beim zweiten Start. Aber was für ein wunderbares Gefühl: Cumulanten soweit das Auge reichte, 2-4m Steigen und mit zunehmender Höhe und rasanter Thermik ein immer faszinierenderes Panorama WOW !

Die Umgebung des Flugplatzes, der Thermikgarten und das Tal waren rasch erkundet, Thermik gab es in Fülle was lag also näher als sich auch ausreichende Höhen um 3.000m vorausgesetzt - ein wenig umzuschauen. Das Wetter war gut, die Stimmung ebenfalls und die weißen Berggipfel der Tauern lockten zu einem Flug über die Schneefelder.

Ein wirklich schönes Gefühl, doch hatten die Querungen diverser Täler bereits angedeutet, daß es dort, wo es mit 2-4m nach oben ebenso an anderer Stelle nach unten gehen mußte, was mich jedoch wegen der hervorragenden Thermik nicht weiter beunruhigte. Das GPS zeigte eine Distanz von 80km zum Flugplatz an und ich beschloß, daß es für den ersten Tag genug sei und begab mich auf den Rückflug.

Zwischenzeitlich hatte sich Klaus über Funk gemeldet und wir verabredeten, uns auf halber Strecke zu treffen. Von allzuguter Thermik verwöhnt steuerte ich direkten Kurs Richtung Niederöblarn und querte dabei das Gasteinertal und flog in geringer Höhe über dem Grat in das idyllische Arltal ein. Aber was war das ?! Saufen, saufen, saufen ! Die Nadel des Vario war nur mit Mühe bei 1m zu halten und mit zunehmender Bestürzung registrierte ich, daß die Berge um mich herum unaufhaltsam in die Höhe wuchsen. Prost Mahlzeit!

Nachdem ich mich ca. 20 min in niedriger Höhe über einer Bergalm halten konnte und einigen lustig winkenden Wanderern ein Schauspiel bot, kroch langsam die Erkenntnis in mir auf, daß es sinnvoll sein könnte, sich rechtzeitig um landbares Terrain zu kümmern.

Nach einigen Kurven durch das noch ca. 800m unter mir liegende Tal wurde klar:

Es gab genau 1 Landemöglichkeit hier und zwar eine etwa 200m lange Wiese, die an einem Ende von einer kleinen Hochleitung gekreuzt wurde. Vor dem anderen Ende erstreckte sich ein kleiner Bergrücken der im Talverlauf im Endanflug umflogen werden müßte und von einer Häusergruppe gesäumt war.

Keine schönen Aussichten. Nachdem ich mich für die Landevariante entlang des Bergrückens entschieden hatte, beschloß ich, noch 400 der 700 verbleibenden Höhenmeter in den Kampf um den Anschluß an irgendeine Thermik aufzuwenden...

Aus dem Ortsprospekt:

"... Zu Gast bei den Sennleuten: Das Großarltal bietet die meisten bewirtschafteten Almhütten in einem Tal des Salzburger Landes. Über 37 Hütten und 220 km markierte Wanderwege quer durch die einzigartige Fauna und Flora der heimischen Bergwelt im Nationalpark Hohe Tauern..."

300m später befand ich mich im Gegenanflug, der der Endanfluglinie in diesem engen Tal verdammt nahe kam. Egal cool bleiben (zumindest redete ich mir das ein...). Nach kurzem Ausholen ein Steilkreis Endanflug ... das paßt... jetzt nur noch um den kleinen Bergrücken herum...oh shit!... die beiden Bäume neben der Häusergruppe waren mir nicht so hoch erschienen...also Klappen rein und drüber ...die Hochspannung am Ende nicht vergessen...also schnell runter...Klappen wieder raus....es paßt...abfangen!...?....boooomm!

Stille.

Alles O.K.? Jau. Puh! Der erste ironische Gedanke verdrängt das Adrenalin: Herzlichen Glückwunsch Flachländer Außenlandung am ersten Tag, kein glorreicher Einstieg.

(Anmerk.: Durch die abrupt voll ausgefahrenen Klappen verlor ich in Bodennähe so viel Fahrt, daß an einen sanften Abfangbogen nicht mehr zu denken war. Dank eines stabilen Fahrwerks, horizontaler Fluglage beim Aufetzen und einer insgesamt weichen Wiese, blieb es glücklicherweise bei ein paar Schleifspuren unter dem Rumpf.)

Viel mehr Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich die kleine Wiese zum Treffpunkt der Dorfjugend, denen mehrfach die allseits bekannten Fragen zu beantworten waren. Es gab jedoch auch andere, so z.B. die Besitzer der Wiese, die ich auf dem kleinen Bergrücken in nur wenigen Metern Höhe überflogen haben mußte, während sie gemähtes Gras zu kleinen Haufen zusammenharkten. Ein kurzer Blick, ein Schneuzer und es wurde weitergearbeitet, als wenn jeden Tag ein Flugzeug auf Ihrer Wiese landen würde.

Eine Nachbarin versorgte mich dann mit einer Flasche Mineralwasser und der Information, daß ich tatsächlich nicht der Erste auf der Wiese war. Vor einiger Zeit ereilte einen anderen Segelflieger dasselbe Schicksal und es verschlug ihn auf die gleiche Wiese im wahrsten Sinne der Worte. Kurzum, an der Häusergruppe standen bis er kam 3 Bäume er hatte Sie ebenfalls falsch eingeschätzt und war am höchsten mit der Fläche hängen geblieben, um sich anschließend mit der Schnauze voran in das Gemüsebeet zu bohren.

 

 

 

Die Fotos habe ich übrigens von Foto Gruber aus dem Internet ich hatte leider keine Doku dabei, dafür jede Menge Zeugen...

Zum Glück war meinem Vorreiter selbst nichts passiert, das Flugzeug konnte dagegen wohl mit einem Kombi abtransportiert werden. Diese Geschichte wurde mit mit einigen Fotos des kopfüber neben dem Haus stehenden Flugzeugs belegt und mir wurde noch nachträglich schlecht beim Gedanken, was ich wohl gemacht hätte, wenn es diesen einen weiteren höheren Baum gegeben hätte....

Während des Wartens auf Klaus konnte ich mit Fr. Gruber, der Ehefrau des ortsansässigen Fotografen als ehemalige Paragliderin noch ausführlich über die Eigenheiten des Arltals plaudern und kann nur jedem raten, dieses ungnädige aber idyllische Tal lieber zu umfliegen.

Klaus erschien schließlich mit Hereinbrechen der Nacht und nach kurzer Inspektion wurde der Flieger abgerüstet. Zum Glück fanden wir noch einen Italiener, der ein Herz und eine Pizza für uns hatte und mit der Erkenntnis, daß Luftlinie erheblich kürzer ist als Straßenroute sanken wir schließlich erschöpft in die Federn.